Das Werksorchester der früheren Maxhütte - Ein Aushängeschild des Werks und der Region
Einige ältere Leserinnen und Leser kennen vielleicht noch die englische Tragikomödie aus dem Jahre 1996 „Brassed Off – Mit Pauken und Trompeten“, die im Bergarbeitermilieu spielt. Im Mittelpunkt stehen die Mitglieder der Werkskapelle einer nordenglischen Zeche, die den Niedergang der britischen Schwerindustrie und Arbeiterkultur miterleben müssen. Auch wenn es in Deutschland keinen vergleichbaren Film zum Verfall der Montanindustrie in den 80ern und 90ern gibt, waren auch bei uns Werkskapellen und Orchester früher stark verbreitet. Ein berühmtes Beispiel stellte in unserer Region das Werksorchester der Maxhütte dar.
Von der Gründung 1948 bis zum Ende der Betriebsstätte Haidhof der Maxhütte 1990 trug die Kapelle zur musikalischen Kultur im Städtedreieck bei und förderte damit natürlich auch das Image der Eisenwerksgesellschaft Maximilianshütte. Die Werksleitung unterstützte das Werksorchester in Haidhof nach Kräften: Die Instrumente und Noten bezahlte das Werk, Proben fanden in der Arbeitszeit statt und auch die gemeinsame Kleidung wurde auf Kosten der Direktion angeschafft.
1973 feierte das Orchester seinen 25-jährigen Geburtstag. Aus diesem Anlass fand das Bundesbezirksmusikfest des Nordbayerischen Musikbundes in Maxhütte-Haidhof statt. Zu diesem Anlass erschien auch eine Festschrift, in der auf die Gründungsgeschichte eingegangen wurde: Der erste Auftritt fand am 07.08.1949 auf dem Marktplatz in Burglengenfeld statt, am 09.10.1949 folgte ein Konzert auf dem Platz der Freiheit in Teublitz. Für das Konzert in Burglengenfeld ist die Musikauswahl überliefert. Dargeboten wurden insgesamt sechs Stücke, für den heutigen Musikgeschmack allerdings eher ungewöhnlich, spielten die Musiker drei klassische Titel aus Opern (z.B. Melodien aus der 1847 erschienenen Oper Martha von Friedrich von Flotow). Ganz klar erkennbar verfolgte das Orchester das Ziel, musikalisch ein gehobenes Niveau zu erreichen, was jedoch auch im Einklang mit dem musikalischen Geschmack der Zeit stand. Bevorzugt wurden klassische, ernste, bildungsbürgerliche Titel. Populäre Schlager waren verpönt, auf dem Spielplan standen oft Märsche, Polkas und Melodien aus (komischen) Opern.
In der Festschrift von 1973 ist die Verbundenheit zwischen Werksleitung und Orchester klar erkennbar: Bei den Grußworten kam zuerst Konzernchef Dr. Friedrich Karl Flick (der Sohn von Friedrich Flick) zu Wort, an zweiter Stelle folgte der Chef der Gesamt-Maxhütte Dr. Odilo Burkart. Flick bezeichnete die Musiker als „Kulturträger des Städtedreiecks“ (ein Begriff, der sich damals einbürgerte, da der Landkreis Burglengenfeld seit 1972 nicht mehr bestand), Burkart als „Quelle der Freude“. Erst an dritter und vierter Stelle schlossen sich die Grußworte des Regierungspräsidenten und des Landrats an.
Popularität gewannen die Musiker 1953 bei den Stadterhebungsfeierlichkeiten in Maxhütte (der Name Maxhütte-Haidhof wurde erst 1956 eingeführt) und Teublitz. 1960 und 1965 erreichte das Orchester bei Bayerischen Landesmusikfesten jeweils den ersten Platz. 1966 konnten die Mitglieder in Holland bei der Weltmusikolympiade eine Silbermedaille in Kerkrade entgegennehmen. 1974 folgte ebenfalls in Kerkrade im Wettbewerb mit 160 weiteren Kapellen eine goldene Medaille in der Kategorie Orchester und eine silberne im Wettbewerb Märsche.
Dass es sich bei diesem Orchester um einen semi-professionelle Klangkörper handelte, zeigt ein Bericht des Burglengenfelder Tagesanzeigers vom 20.12.1962 über die Familienfeier des Werksorchesters zu Weihnachten, der auch einen Rechenschaftsbericht für das vergangene Jahr enthielt. Das Orchester absolvierte 1962 insgesamt 112 Auftritte, v.a. im Städtedreieck. Alleine 70 Mal traten die Musiker bei Trauerfeiern von verstorbenen Werksangehörigen der Maxhütte auf. Völlig zu Recht stellte der Artikel fest: „Gleichzeitig hat das Orchester als Aushängeschild des Werkes dem Unternehmen eine Steigerung des Ansehens gebracht. Dass dies die Maxhütte zu schätzen weiß, zeige die beachtliche finanzielle Aufwendung …“
Die Werkskapelle spielte insgesamt vier Langspielplatten ein. Die ersten Aufnahmen („Ein Kranz bunter Melodien“) fanden im Oktober 1967 im Pfarrheim von Burglengenfeld statt (heute VAZ). Zwei weitere LP-Produktionen folgten 1969: Bei der Titelauswahl wird deutlich, dass sich um 1970 der Musikgeschmack nicht nur in der Jugendkultur, sondern auch bei den Erwachsenen veränderte. Waren 1967 noch eher klassische Stücke eingespielt worden (Märsche, Polkas, Walzer), zeigten die beiden nächsten Schallplatten eine Hinwendung zur bayerischen Folklore. Der Titel der dritten LP lautete: „A zünftige Blasmusik“, die zweite Schallplatte enthielt vornehmlich oberpfälzische Volksmusik und hieß dementsprechend: „Volksmusik aus der Oberpfalz“. Die BZ vom 11.12.1969 merkte dazu an, dass der Sängerbund Maxhütte mit den oberpfälzischen Texten durchaus Mühe hatte, da ein Großteil der Sänger gar nicht aus der Region stammte und kein oberpfälzisch beherrschte. Die Musikauswahl auf der dritten LP wurde nach Angaben dieses Zeitungsartikels von der Werksleitung vorgegeben, da diese vermutlich für die Kundschaft in Bayern ein repräsentatives Werbegeschenk benötigte. Möglicherweise wollte die Maxhütte bei der Pflege ihres Images nicht nur als oberpfälzisches, sondern bayerisches Unternehmen wahrgenommen werden. Die vierte Platte erschien zum Jahreswechsel 1974 („Auf Geht's - Musik Zur Unterhaltung“) und enthielt neben Märschen und Polkas auch das durch den damaligen Bundespräsidenten Scheel bekanntgemachte Volkslied „Hoch auf dem gelben Wagen“. Die Tonaufnahmen fanden übrigens im Gymnasium in Burglengenfeld im Oktober 1974 statt. Alle Schallplatten zusammen wurden 1974 auch in einer Geschenkkassette verkauft.
Der musikalische Geschmackswandel seit den 60ern wurde auch in der gemeinsamen Bekleidung erkennbar: Am Beginn spielten die Musiker mit einer grauen Jacke und dunkelblauen Hose und Mütze. Ab 1952 kam eine Sommerunifirm mit weißen Jacken und Mützen hinzu. Diese Uniformierung ist auf den Fotos der Stadterhebung von Maxhütte und Teublitz klar erkennbar. Ab 1974 spielte die Kapelle in oberpfälzer Tracht. Bis dahin wirkte die Vereinigung mit den Uniformen, die ab 1955 getragen worden waren, eher wie ein Polizeiorchester.
Maßgeblich verantwortlich für den Erfolg waren von Anfang an Ludwig Pinzl und Josef von der Grün als erster und zweiter Orchesterchef. Kennengelernt hatten sich die beiden kurz nach Kriegsende in der Combo „Die Burgschwalben“, die in Burglengenfeld Tanzmusik für die amerikanischen Besatzungstruppen spielte. Musikalisch übernahm allerdings das Werksorchester später nicht die Vorbilder des amerikanischen Swings, sondern spielte - wie bereits erwähnt - klassische Stücke und traditionelle Blasmusik. Pinzl, der in 1914 in Straß bei Burglengenfeld geboren und 1999 verstarb, war ein begeisterter Musiker und Orchesterleiter, der die musikalische Qualität der Werkskapelle durch seinen unermüdlichen Einsatz erst möglich machte. Zusätzlich engagierte er sich jahrelang als Stadtrat in der Burglengenfelder Kommunalpolitik und war im Hauptberuf Sicherheitschef der Maxhütte im Werk Haidhof. Für sein Orchester und seinen Arbeitgeber komponierte er das Stück „Glückauf Sauforst“.
Nach dem Aus der Maxhütte und der Werkskapelle war die Geschichte trotzdem noch nicht ganz zu Ende. Durch Vermittlung von Stadtrat Georg Amann gelangten die Instrumente und Noten, die dem Werk gehörten, in den Besitz der Jugendblaskapelle Leonberg, heute die Blaskapelle Maxhütte Leonberg. In gewisser Hinsicht kann also diese Kapelle als Nachfolgerin dieser überregional bekannten Orchestervereinigung angesehen werden.
Quelle: Dr. Thomas Barth, Archivar
